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Du wachst morgens müde auf, obwohl du genug Schlaf hattest? Schlafdauer ist nicht das Einzige, das deine Erholung beeinflusst. Hier sind die häufigsten Gründe für Müdigkeit am Tag.

KI-generierte Illustration

Du schläfst sieben, acht oder sogar neun Stunden – und trotzdem fühlst du dich morgens nicht richtig erholt oder kämpfst dich tagsüber mit wenig Energie durch den Alltag?

Der erste Gedanke liegt nahe: Dann brauche ich wohl mehr Schlaf.

Doch die Dauer unseres Schlafs ist nur ein Teil der Geschichte. Müdigkeit kann viele Gründe haben – und nicht immer liegt das Problem tatsächlich in zu wenigen Stunden Schlaf.

Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zu Müdigkeit betrachtet deshalb nicht nur körperliche Ursachen. Auch psychische und soziale Faktoren können eine Rolle spielen – häufig sogar mehrere gleichzeitig. Manchmal lässt sich zunächst auch keine eindeutige Ursache finden.1

Schauen wir also genauer hin.


Zusammenfassung

Ausreichend Schlaf ist nicht immer auch erholsamer Schlaf. Müdigkeit kann viele Ursachen haben – körperlich, psychisch und sozial. Auch Schlafstörungen, Erkrankungen, Medikamente oder Lebensstilfaktoren können eine Rolle spielen. Hält Müdigkeit länger an oder ist sie stark ausgeprägt, sollte sie medizinisch abgeklärt werden.


In diesem Artikel

  • Müdigkeit ist nicht gleich Schläfrigkeit
  • Genug Schlaf bedeutet nicht automatisch erholsamen Schlaf
  • Stress und psychosoziale Belastungen
  • Psychische Erkrankungen
  • Körperliche Erkrankungen
  • Medikamente und andere Substanzen
  • Eisen, Vitamin B12 und Vitamin D
  • Die Rolle von Bewegung
  • Wenn es nicht die eine Ursache gibt
  • Wann Müdigkeit ärztlich abgeklärt werden sollte

Müdigkeit ist nicht gleich Schläfrigkeit

Bevor wir über mögliche Gründe sprechen, lohnt sich eine wichtige Unterscheidung.

Wer müde oder erschöpft ist, kann sich energielos, weniger leistungsfähig oder körperlich und geistig ausgelaugt fühlen.

Tagesschläfrigkeit bedeutet dagegen, dass tatsächlich eine erhöhte Neigung zum Einschlafen besteht – beispielsweise beim Lesen, Fernsehen oder in anderen ruhigen Situationen.

Im Alltag verschwimmen diese Begriffe schnell. Für die Suche nach einer Erklärung kann die Unterscheidung aber wichtig sein. Auch die S3-Leitlinie berücksichtigt deshalb unter anderem Energiemangel, Schlafqualität und ungewolltes Einschlafen am Tag. [1]

1. Genug Schlaf bedeutet nicht automatisch erholsamen Schlaf

Acht Stunden im Bett bedeuten nicht automatisch acht Stunden erholsamen Schlaf.

Neben der Schlafdauer spielen beispielsweise Schlafqualität, Unterbrechungen des Schlafs und der Schlaf-Wach-Rhythmus eine Rolle. Auch Schlafstörungen können dazu führen, dass wir uns tagsüber nicht erholt fühlen. [1,3]

Eine mögliche Ursache ist beispielsweise die obstruktive Schlafapnoe. Dabei kommt es während des Schlafs wiederholt zu Atemstörungen. Hinweise können unter anderem starkes Schnarchen, von anderen beobachtete Atempausen und ausgeprägte Tagesschläfrigkeit sein. Die S3-Leitlinie führt das Schlafapnoe-Syndrom deshalb ausdrücklich unter den Problemen auf, die bei Müdigkeit berücksichtigt werden sollten. [1]

Die entscheidende Frage lautet also nicht nur:

Wie lange schlafe ich?

Sondern auch:

Wie erholsam ist mein Schlaf?

2. Stress und psychosoziale Belastungen können eine Rolle spielen

Nicht jede Müdigkeit beginnt im Schlafzimmer.

Berufliche Belastungen, Konflikte, Sorgen, familiäre Herausforderungen oder andere länger anhaltende Belastungen gehören ebenfalls zum Gesamtbild.

Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt bei der Abklärung von Müdigkeit ausdrücklich, die familiäre, berufliche und weitere soziale Situation zu berücksichtigen. Auch die medizinische Übersichtsarbeit von Maisel und Kollegen beschreibt psychosoziale Faktoren als einen wichtigen Bereich bei anhaltender Müdigkeit. [1,3]

Das bedeutet nicht, dass hinter Müdigkeit automatisch „zu viel Stress“ steckt. Es zeigt vielmehr, warum es zu kurz greifen kann, ausschließlich nach einer körperlichen Erklärung zu suchen.

3. Auch psychische Erkrankungen können sich durch Müdigkeit bemerkbar machen

Besonders gut untersucht ist der Zusammenhang mit Depressionen.

Eine systematische Übersichtsarbeit untersuchte 26 Studien mit Menschen, die sich wegen Müdigkeit in der Primärversorgung vorstellten. In methodisch hochwertigen Studien wurde bei 18,5 Prozent der untersuchten Personen eine Depression festgestellt.2

Wichtig ist die Einordnung dieser Zahl:

Sie bedeutet nicht, dass eine Depression für 18,5 Prozent aller Fälle von Müdigkeit verantwortlich ist. Untersucht wurden Menschen, die wegen Müdigkeit medizinische Hilfe suchten – nicht die Allgemeinbevölkerung. Außerdem zeigt das gemeinsame Auftreten zweier Dinge allein noch keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung.

In den Studien mit Kontrollgruppen trat eine Depression bei Menschen mit Müdigkeit allerdings häufiger auf als bei Menschen ohne dieses Symptom. [2]

Deshalb empfiehlt auch die aktuelle Leitlinie, bei anhaltender Müdigkeit Symptome von Depressionen und Angststörungen mitzudenken. [1]

4. Körperliche Erkrankungen sind möglich

Anämie, Schilddrüsenerkrankungen, Infektionen, Stoffwechselerkrankungen und weitere körperliche Erkrankungen können mit Müdigkeit einhergehen. [1,3]

Wer seine Symptome im Internet recherchiert, landet deshalb schnell bei einer sehr langen Liste möglicher Diagnosen.

Hier lohnt sich etwas Einordnung.

In der systematischen Übersichtsarbeit zu Menschen, die wegen Müdigkeit die Primärversorgung aufsuchten, wurde eine Anämie bei 2,8 Prozent, eine schwerwiegende körperliche Erkrankung bei 4,3 Prozent und eine bislang unbekannte Krebserkrankung bei 0,6 Prozent festgestellt. Die Ergebnisse der einbezogenen Studien unterschieden sich allerdings teilweise deutlich voneinander. [2]

In den vorhandenen Studien mit Kontrollgruppen waren körperliche Erkrankungen bei Menschen mit Müdigkeit zudem nicht häufiger als bei Menschen, die aus anderen Gründen medizinische Hilfe suchten. Das zeigt, warum aus dem gleichzeitigen Vorliegen einer Erkrankung und Müdigkeit nicht automatisch geschlossen werden kann, dass die Erkrankung auch tatsächlich die Müdigkeit verursacht. [2]

Die aktuelle S3-Leitlinie weist entsprechend darauf hin, dass behandelbare schwere körperliche Erkrankungen bei Müdigkeit selten sind und in der Regel weitere Auffälligkeiten in der Anamnese oder körperlichen Untersuchung vorliegen. [1]

Das bedeutet ausdrücklich nicht, körperliche Ursachen zu ignorieren.

Es bedeutet vielmehr:

Müdigkeit sollte weder vorschnell psychologisch noch ausschließlich körperlich erklärt werden.

5. Auch Medikamente und andere Substanzen gehören zum Gesamtbild

Manchmal lohnt sich auch ein Blick auf Medikamente und andere Substanzen.

Verschiedene Arzneimittel können Müdigkeit oder Schläfrigkeit begünstigen. Dazu gehören – abhängig vom jeweiligen Wirkstoff – beispielsweise bestimmte Antihistaminika, Psychopharmaka, Opioide oder Medikamente gegen Bluthochdruck. Auch Alkohol und andere psychoaktive Substanzen können eine Rolle spielen. [1,3]

Deshalb gehören Medikamente und psychotrope Substanzen auch zur empfohlenen Anamnese bei Müdigkeit. [1]

Das bedeutet selbstverständlich nicht, ein verordnetes Medikament bei Müdigkeit eigenständig abzusetzen.

Wenn Beschwerden beispielsweise zeitlich mit dem Beginn oder einer Veränderung einer Medikation zusammenfallen, kann das aber ein sinnvoller Punkt für ein ärztliches Gespräch sein.

Brauche ich einfach Eisen, Vitamin B12 oder Vitamin D?

Bei Müdigkeit fällt der Verdacht schnell auf einen Nährstoffmangel.

Und tatsächlich können Mangelzustände eine Rolle spielen. Müdigkeit kann beispielsweise im Zusammenhang mit einer Anämie auftreten. [1,2]

Aus dem Symptom Müdigkeit allein lässt sich aber nicht ableiten, dass Eisen, Vitamin B12, Vitamin D oder ein anderer Nährstoff fehlt.

Deshalb ist es wenig sinnvoll, aus Müdigkeit automatisch auf einen bestimmten Mangel zu schließen und ohne entsprechende Hinweise auf Verdacht zu supplementieren.

Auch die aktuelle Leitlinie verfolgt bei zunächst ungeklärter Müdigkeit keinen Ansatz nach dem Motto „einmal alles testen“. Sie empfiehlt eine strukturierte Anamnese und körperliche Untersuchung sowie eine begrenzte Basisdiagnostik. Weiterführende Untersuchungen richten sich nach konkreten Hinweisen und der individuellen Situation. [1]

Und welche Rolle spielt Bewegung?

Auch hier lohnt sich ein genauer Blick auf Ursache und Wirkung.

Wenig körperliche Aktivität und Müdigkeit können gemeinsam auftreten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Bewegungsmangel die Ursache der Müdigkeit ist.

Denn genauso ist die andere Richtung denkbar: Wer ständig erschöpft ist, bewegt sich möglicherweise weniger.

Die Übersichtsarbeit von Maisel und Kollegen weist darauf hin, dass nicht eindeutig geklärt ist, wie häufig Bewegungsmangel tatsächlich die primäre Ursache von Müdigkeit darstellt.3

Das ist ein gutes Beispiel für einen Grundsatz, der bei Gesundheitsthemen immer wieder wichtig wird:

Ein Zusammenhang ist noch kein Beweis für Ursache und Wirkung.

Manchmal gibt es nicht die eine Ursache

Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt.

Wir denken bei Beschwerden häufig in einer einfachen Kette:

Symptom → Ursache → Lösung

Gesundheit funktioniert aber nicht immer so.

Schlafprobleme können mit Stress zusammenkommen. Eine Erkrankung kann den Schlaf verändern. Müdigkeit kann dazu führen, dass wir uns weniger bewegen. Belastungen im Alltag können wiederum unsere Erholung beeinflussen.

Biologische, psychische und soziale Faktoren können sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen. Manchmal lässt sich auch nach einer ersten Untersuchung keine eindeutige einzelne Erklärung finden.

Genau deshalb verfolgt die aktuelle deutsche S3-Leitlinie bei Müdigkeit einen biopsychosozialen Ansatz. [1]

Wann sollte Müdigkeit ärztlich abgeklärt werden?

Ein paar müde Tage nach kurzen Nächten, einer außergewöhnlich belastenden Woche oder einem Infekt sind etwas anderes als eine neu auftretende oder anhaltende Müdigkeit, die den Alltag zunehmend beeinträchtigt.

Eine ärztliche Abklärung ist insbesondere sinnvoll, wenn Müdigkeit neu oder ungewöhnlich ist, länger anhält, deutlich ausgeprägt ist oder mit weiteren Beschwerden einhergeht. Welche Diagnostik sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation, weiteren Symptomen, Vorerkrankungen, Medikamenten und den Ergebnissen der körperlichen Untersuchung ab. [1]

Besondere Aufmerksamkeit verdient ausgeprägte Tagesschläfrigkeit. Wer beispielsweise in Situationen ungewollt einschläft, in denen Wachheit wichtig ist – insbesondere beim Autofahren –, sollte das ernst nehmen und medizinisch abklären lassen. Die Leitlinie berücksichtigt ausdrücklich ungewolltes Einschlafen und dadurch verursachte Unfälle. [1]

Genauer hingesehen

Ausreichend lange schlafen bedeutet nicht automatisch, erholsam zu schlafen. Und Müdigkeit ist nicht automatisch ein Schlafproblem.

Schlafqualität, psychische und soziale Belastungen, körperliche Erkrankungen, Medikamente und weitere Faktoren können eine Rolle spielen – manchmal auch mehrere gleichzeitig. [1,3]

Statt deshalb sofort nach „der einen Ursache“ zu suchen, können zunächst andere Fragen hilfreich sein:

Hat sich mein Schlaf verändert?

Was belastet mich gerade?

Gibt es weitere Beschwerden?

Hat sich bei meinen Medikamenten etwas verändert?

Und seit wann fühle ich mich eigentlich so?

Manchmal beginnt genau dort die sinnvollere Suche nach einer Erklärung.

Gesundheit verstehen. Bewusst leben.


Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Gesundheitsinformation und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden, neu auftretenden oder ausgeprägten Beschwerden solltest du medizinischen Rat einholen.

Über den Autor

Hendrik Lehnertz, B.Sc. Physiotherapie, Osteopath

Hendrik ist Gründer von Projekt Nordstern. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit Gesundheit und den vielfältigen Zusammenhängen zwischen körperlichen, psychischen, sozialen und umweltbezogenen Einflussfaktoren.

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  1. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). S3-Leitlinie Müdigkeit. AWMF-Registernummer 053-002, 2023. Gültig bis Dezember 2027. ↩︎
  2. Stadje R, Dornieden K, Baum E, et al. (2016). The differential diagnosis of tiredness: a systematic review. BMC Family Practice, 17:147. DOI: 10.1186/s12875-016-0545-5. ↩︎
  3. Maisel P, Baum E, Donner-Banzhoff N. (2021). Fatigue as the Chief Complaint – Epidemiology, Causes, Diagnosis, and Treatment. Deutsches Ärzteblatt International, 118:566–576. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.019 ↩︎